Glockenweihe 2008

Die künstlerische Gestaltung der neuen grossen Glocke der katholischen Pfarrkirche St. Margaretha in Ballwil

 


Voraussetzung

Eine gute Glocke ist in Form und Gestalt schon ein Kunstwerk. Die Glockenzier ist dann gelungen, wenn sie sich harmonisch in Form und Gestalt der Glocke einfügt.

Eine Glocke ist in erster Linie ein musikalisches Kunstwerk. Ihre Zier darf also den Klang nicht beeinträchtigen. Verzierungen müssen deshalb dort auf dem Glockenmantel erscheinen, wo der Klangaufbau der Glocke nicht beeinträchtigt wird. Inschriften, Ornamente und Bilder sollen darum so gestaltet sein, dass sich der Glockenton ungestört entfalten kann. Das bedeutet:

  • Die Verzierung darf nicht zu voluminös ausfallen. Für Inschriften eignet sich am besten der obere und in begrenztem Masse auch der untere Teil des Glockenmantels.
  • Der Inhalt der Glockenzier ergibt sich zum einen aus der Aufgabe der Glocke (Betglocke, Taufglocke, Zeichenglocke), zum anderen aus der Geschichte der Botschaft, die die Kirche heute mit der Glocke weitergeben möchte.

 

Vorgeschichte

In den Überlegungen zur Gestaltung der neuen Glocke in Ballwil sind zwei Gedanken bestimmend geworden:

1.   Die weltweite Gemeinschaft der Kirche Jesu Christi. Sie gründet in der alles umfassenden Liebe ihres Herrn und wird konkret im Heiligen Abendmahl, das auf das grosse Völkermahl in der Vollendung des Reiches Gottes hinweist.

2.  Die Kirchenpatronin der Ballwiler Pfarrkirche. Das Bild der Heiligen Margaretha hat schon die Vorgängerin der jetzigen Glocke verziert. Aufgabe der künstlerischen Gestaltung ist es, Schrift und Relief so zu realisieren, dass Glockensprüche und Glockenbilder nicht wie ein zufällig zusammengefügte Puzzle erscheinen, sondern sich in Inhalt und Form in der vorgegebenen Botschaft verdichten.

3.  Ausführung


Das ökumenische Völkermahl

Als untere Inschrift steht das Wort Jesu aus Lk 13.29 "Dann werden sie von Osten und Westen und von Norden und Süden kommen und im Reiche Gottes zu Tische sitzen."

Der Gedanke von der Grenzen überschreitenden Mahlgemeinschaft ist begründet in der Aussage der Heiligen Schrift, die als tragendes Band den Boden bildet, auf dem das Glockenbild vom ökumenischen Völkermahl steht. Christus ist der Gastgeber des Heiligen Mahles. Mit weit ausgebreiteten Armen sitzt der einladende Herr in der Gloriale seiner Herrlichkeit, oben an der grossen Völkertafel. Auf der rechten Seite, nahe an seiner Brust, finden wir Johannes. Es folgt ein Ehepaar in der für Muslime typischen Bekleidung. Daneben sehen wir eine Nonne in ihrem Ordenskleid. Es folgt eine Frau, die sich dem Kranken auf seiner Bahre zuwendet. So kommt das Draussen nach Innen. Neben ihr sitzt ein Mann im besten Alter. Sein nächster Nachbar, ein Aussenseiter mit einer Punkerfrisur. Dann kommt ein Jude mit seiner Judenkappe. Die Einladung zum grossen Völkermahl haben wir Christen über das Vok Israel empfangen. Das verbindet uns in Dankbarkeit und Demut mit Gottes auserwähltem Volk. Der nächste Stuhl ist (noch) leer. Aber der Bruder von der Landstrasse, mit dem zerzausten Haar und der zerrissenen Kleidung, ist schon im Kommen. Dass sich im Mahl der Lieben, die hier schon Platz gefunden haben, mit denen verbünden, die noch draussen sind, zeigen die ausgestreckten Arme und Hände, die schon beieinander sind. Es folgt ein alter Mann, gezeichnet von Gebrechlichkeit und Einsamkeit. Neben ihm sitzt einer, der sich den beiden Kleinen draussen zuwendet und sie an den Tisch des Herrn bittet. "Lasset die Kinder zu mir kommen," sagt Jesus im Evangelium (Matth.19.14). Geistliche gehören zusammen mit vielen anderen an den Abendmahlstisch. Die einsame Frau neben ihm hat hier ihren Platz für die Vielen, die einen Menschen verloren haben und Leid tragen. Dicht daneben sitzt ein junges Liebespaar. Wenn im Mahl Jusu das Gastmahl der Familie Gottes gefeiert wird, dann sollen wir so miteinander umgehen, wie es der Apostel Paulus in seinem Brief an die Römer schreibt: "Freut euch mit den Fröhlichen und weint mit den Weinenden" (Röm 12.13). Als Letzter findet sich ein Mann ohne besondere Kennzeichen. Es ist ein Mensch, wie du und ich, der Jesu Ruf gehört hat und seiner Einladung zum Festmahl gefolgt ist. Der letzte Mensch ist dem ersten Menschen, Jesus Christus, am nächsten. Der Kelch und die Brote des Festmahles zeigen an, der Tisch ist für alle gedeckt, denn der Einladende ist der Auferstandene, der auch heute ruft: "Kommt, denn es ist alles bereit" (Luk 14.17). Betrachtet man das Völkermahl als Gesamtbild, so entdecken wir, wie die Vertikale vom Heiligenschein des Christus oben bis zur Bettlergestalt unten mit der Horizontalen der Kindergruppe und dem Kranken auf seiner Liege ein Kreuz bilden. In dieses Kreuz hat Gott alle eingezeichnet. Darum gehören wir mit allen mehr zusammen, als wir wissen. Deshalb sind Vertreter aus allen Nationen und Religionen, die seinem Ruf gefolgt sind, im ökumenischen Völkermahl versammelt. Deshalb können hier Junge und Alte, Kranke und Gesunde, Verliebte und Einsame miteinander Platz finden. Deshalb bleibt der leere Stuhl ganz vorne eine immer währende Erinnerung daran, dass die Kirche Jusu Christi nur so das Abendmahl recht feiert, dass sie offen bleibt für den letzten Menschen. Gottes Geist sorgt dafür, dass diese gute Nachricht auch bei uns vom Kopf in unsere Hände und Füsse fahrt. Das wird anschaulich im Heiliggeistsymbol von Susan Herrmann, das Anfang und Ende des Bibelwortes aus Luk. 13 verbindet. Die originelle Zeichnung zeigt, wie der Heilige Geist Zeit macht zum Landen im Hier und Jetzt. Die Taube mit den Wanderschuhen macht anschaulich: Gottes Geist hilft uns Berührungsängste mit unserer Erde zu überwinden und den Weg des Glaubens fröhlich und getrost zu gehen. Unterstrichen wird die ökumenische Kraft des Heiligen Mahles am oberen Abschluss der Glocke. Hier erscheinen noch einmal gebündelt die drei Geschichtsstränge, die hinter dem ökumenischen Völkermahl stehen. Sie reichen vom Judentum bis in die christlichen Konfessionen der Gegenwart. Auf der Glockenkrone ist in lateinischer, griechischer und deutscher Sprache zu lesen: Pascha (das jüdische Passamahl), Eucharistia (das griechische Wort erinnert auch an die orthodoxe Tradition der Eucharistiefeier) und in deutscher Sprache Abendmahl. Das Glockenjoch, das die über die Krone laufenden Begriffe trennt, macht das Nachlesen schwerer. Das konkrete Nachbuchstabiere des je eigenen Mahlverständnisses kostet Mühe und Zeit. Aber gerade so wird die Christenheit, auch bei der Abendmahlsfeier heilsam an den schmerzlichen Riss erinnert, der noch immer durch den einen Leib Christi geht. Dennoch, das Verbindende ist stärker. Das wird ganz oben an der Glocke sichtbar, wo am vorderen Kronenhenkel das Regebogenkreuz erscheint.

Pater Christian Lorenz schreibt dazu: "Das Regenbogenkreuz ist Sinnbild göttlicher Liebe und Versöhnung zwischen Gott und Noas Familie (Gen.9.1-16). Bei den zwölf Stämmen findet die Erneuerung dieses Bundes statt. Jesus Christus am Kreuz ist der Garant des immerwährenden Bundes, für uns gegenwärtig in der heiligen Eucharistie." Im Hebräerbrief lesen wir diese Zusage:"Darum ist er Mittler eines neuen Bundes. Sein Tod sollte geschehen zur Befreiung von den Übertretungen aus der Zeit des ersten Bundes, damit die Berufenen die Verheissung des ewigen Erbes empfangen." (Hebr. 9.15).

Die Kirchenpatronin auf der anderen Seite des Glockenmantels. Dem ökumenischen Völkermahl gegenüber ist die heilige Margaretha abgebildet, die für ihren Glauben an Christus ihr Leben gelassen hat. Die Märtyrerin sehen wir in der vertrauten Form der Vorgängerglocke. Darüber steht das Wort des Apostels Paulus aus dem 2. Korintherbrief Kap.4. Vers 13: "Doch haben wir den gleichen Geist des Glaubens." In der Schrift erscheint über der Heiligen Margaretha der Ort, wo sich für uns das Christuszeugnis verleiblichen kann: Die Silhouette der Kirche in Ballwil. Hier ist der Ort, wo wir auch heute erfahren: Der Auferstandene ist uns auf unserem Weg zu den Menschen immer einen Schritt voraus.


Backnang im Juni 2008                                            Dieter Eisenhardt